Töchter, Mütter, Grossmütter...
Zurück zum Forum
Liebe Starling, scheint bei euch in der Familie ja so üblich zu sein, dass Grossmutter das Regiment führt - mit allen Mitteln die ihr zur Verfügung stehen. Da wird es, wenn ein vernünftiges, sachliches Gespräch nicht möglich ist, nicht anders gehen, als dass du dich, allen Unkenrufen zum Trotz auf die Hinterbeine stellst und beginnst alleine zu laufen. Alt genug bist du ja, und genau deswegen hast du nicht nur das Recht dein Leben nach deinen Wünschen zu formen, sondern ein Stück weit sogar die Pflicht sebstständig zu werden. Denn auch du möchtest sicher irgendwann einmal eine eigene Familie haben, Kinder und alles was dazu gehört. Und dazu musst du lernen. Lernen dein Leben selber zu gestalten, mit den Widrigkeiten zu Recht zu kommen, dass es für uns alle bereithält, und letztendlich auch und vor allem, deine Entschlüsse selbstständig zu fällen und dann auch danach zu handeln.
Egal was das Leben für dich nach dieser Abnabelung bereit hält. Du und deine Familie ihr werdet um diesen Schritt nicht herumkommen. Denn niemand kann auf ewig die Rolle des unselbständigen Kindes einnehmen. Es sei denn er gibt sich und seine eigenen Wünsche irgendwann auf, kapituliert vor der Übermacht der Familienautorität und wird auf ewig in von Oma oder einer anderen Führungsperson ferngesteuert sein.
Weisst du Starling, meine Mutti war auch nicht begeistert, als ich in deinem Alter plötzlich meinte ich müsste mit dem Rucksack auf dem Rücken durch die Weltgeschichte gondeln. Ohne Rücksicht auf Verluste, naiv und mit dem Glauben an das Gute im Menschen.
(u.a. zu Fuss durch das gefährlichste Viertel Miamis, mit dem Bus durch Guatemala und Honduras (1982, da konnte es dort recht ungemütlich werden), was mir heute im Nachhinein schaudern über den Rücken treibt, worüber ich mir damals aber gar keine Gedanken machte). Nun ich habe es überstanden, unbeschadet überstanden. Meine Mutter hörte irgendwann auf zu zittern, und exakt zu dem Zeitpunkt hörte ich auf irgendwelche Wahnsinnsaktionen zu starten und wurde ein wenig "vernünftiger".
Was ich damit sagen will ist nicht, Göttin bewahre, dass du genau so verrückt sein sollst, sondern dass jeder Mensch in die Selbständigkeit gehen muss. Und zwar auf seine Weise. Bei dir ist es nur die Ostseeküste...da kann Omi sich eigentlich freuen dass sie so eine ruhige,vernünftige Enkeltochter hat.
Also Starling, wenn Gespräche nichts fruchten, dann musst du dich durchsetzen, auch wenn es Tränen gibt. Vielleicht wird die Oma erstmal ein wenig maulen. Aber das wird sich sicher recht schnell geben, wenn sie begriffen hat, dass die Ostseeküste nicht auf der anderen Seite der Welt liegt. Kannst sie ja des öfteren besuchen. Wenn sie dann allerdings rumquengelt, Abstand, und zwar solange bis sie begriffen hat, das nörgeln und jammern nix nutzt.
Mit den Gaben der Familie ist es übrigens oft sehr zweischneidig. Einerseits ist es toll einfach, wenn man sich um wenig selber zu kümmern braucht, andererseit, gerade wenn dann Vorwürfe kommen "undankbar" zu sein, erscheint ein schaler Beigeschmack von käuflich im Hintergrund. Und das ist ne Sache, die deine Grossmutter vielleicht auf ihre älteren Tage noch lernen muss. Alles was man jemandem Gutes tut, sollte man aus freien Stücken tun. Denn kaufen kann man niemanden. Es sei denn man trifft auf einen Menschen der durch und durch korrupt ist.
Was mir noch dazu einfällt ist die alte germanische Weisheit:
Besser gar nicht gebetet als zu viel geopfert -
Gaben wollen erwidert sein.
Ganz liebe Grüsse,
Griselda
Griselda - Thursday, December 4 at 7:19 PM MET
Antwort